K. G. Kachler                    Die Antigone des Sophokles

 

Inhalt

Polyneikes hat gegen die eigene Vaterstadt Theben das Heer der Argiver aufgeboten. Gegen den eigenen Bruder Eteokles rennt er, die Entscheidung zu erzwingen, im Speerkampf an. Die Brüder fallen, einer durch die Hand des andern, und erfüllen für ihren Teil den Fluch, der auf ihrem Geschlechte, den Nachkommen von Labdakos, lastet: Ihr Vater Ödipus, unwissend Sohn und Gatte Jokastes zugleich, blendete sich nach selbstentlarvten Greueln: Jokaste tötet sich selbst; dem Wechselmord der Brüder entspringt neues Unheil: Kreon, der Bruder Jokastes, jetzt Herrscher von Theben, pocht überlaut auf sein irdisches Recht und erläßt ein Verbot, den Leichnam des Hochverräters Polyneikes zu bestatten. Damit rührt er aber an die Satzungen der Götter. Antigone begräbt ihren Bruder allen Drohungen zuwider: Sie vollzieht den Willen der göttlichen ungeschriebenen Gesetze. Doch hiermit stellt sie sich in Gegensatz zur Staatsmacht Kreons. Für beide gibt es so kein Entrinnen mehr aus ihrem Schicksal. Von staatspolitischem Ermessen aus ist Antigone schuldig, und Kreon hat recht: er vergeht sich aber in seinem Starrsinn gegen die Götter und frevelt in menschlichem Ubermut. Antigone muß sterben, doch damit siegt sie in sittlicher Hinsicht über Kreon. Dieser ist nach außen der Stärkere, aber er bezahlt den Machtwahn mit dem Tod seines Sohnes und seiner Gattin: er ist der Geschlagene. Vor den Göttern ziemt heilige Scheu, der Ubermütige kommt immer zu Fall; erst im Alter wird der Mensch wahrhaft weise, mit diesem Hinweis endigt der Chor die Tragödie.

Die »Antigone« wurde im Jahr 442 v, Chr. erstmals in Athen aufgeführt. Sophokles (geb. 496, gest. 406 v Chr.) stand damals auf dem Höhepunkt seiner dichterischen Kraft. Von seinen 123 Tragödien sind uns ioo dem Titel nach bekannt, doch besitzen wir heute nur noch sieben.

 

Hans Curjel        Die Bühnenbearbeitung Bertolt Brechts

Bertolt Brecht hat seiner Bühnenbearbeitung der Sophokleischen »Antigone« die Übertragung Friedrich Hölderlins zugrunde ge­legt, die mit ihrem hymnischen Ton, im unendlichen Reichtum der Bildersprache und der auf gewaltigem Hintergrund sich ab­zeichnenden Gedankenwelt eines der großen Wunder der deut­schen Sprache darstellt.

Die Texte Hölderlins sind gelegentlich gekürzt, damit der Fluß des dramatischen Geschehens nicht aufgehalten werde: gelegent­lich spinnt Brecht Gedanken und Sprache Hölderlins weiter, um das Ganze in das Gegenwärtige zu überführen.

Die rhythmische Aufteilung Hölderlins ist beibehalten, ja in ihrer Strenge und Unerbittlichkeit gesteigert: sie stellt das wichtige und lebendige sprachliche Gerüst dar, das die Welt des Geschehens und des Gedankens trägt.

Der antike Stoff selbst bleibt in seinem Grundablauf unangeta­stet. Die neue Wendung, um die es Brecht zu tun ist, liegt darin, daß das persönliche Schicksal, das vom fluchbeladenen Ödipus ausgeht und zum Untergang der Familie führt, zum allgemeinen, unpersönlichen sich weitet: nicht nur die Familie, in die auch Kreon verstrickt ist, geht unter, sondern die ganze Stadt Theben wird vom Unheil verschlungen. Hier führt Brecht den antiken Stoff weiter: während die Stadt Theben, getäuscht vom Übermut des Kreon, dem verfrühten Siegestaumel verfällt, bricht das Heer der Argiver aus Argos aus, schlägt die Streitkräfte des Kreon; die Vernichtung der Stadt Theben steht unmittelbar-bevor.

Der Bericht der Schlachtboten, der dem geschlagenen Heer des Kreon vorauseilt, schildert dieses Geschehen, dessen aktuelle Be­deutung geradezu erschreckend ist, und auf dem Hintergrund dieser Lage, für die Kreon mit der Stadt die volle Verantwortung teilt, erscheint der abschließende Bericht der jungen Magd, die den Tod der Antigone und des Hämon in gewaltigem Abgesang darstellt.

   Der Epilog des geschlagenen und verzweifelten Kreon mit den erklärenden Schlußstrophen des

   Chores geht dann wieder auf das Original des Sophokles zurück.

   Bertolt Brecht läßt dem Werk ein Vorspiel vorausgehen, das die Gegenwärtigkeit des Antigone-

   Stoffes und Gehaltes in unmittelba­rer Deutlichkeit erscheinen läßt. Zwei Schwestern im untergehen­

   den Berlin des Jahres 1945 stehen vor der Frage, ihren hingerich­teten Bruder vorn Galgen

   abzuschneiden - Antigone und Ismene...

 

    Zurück